Immer eine Idee voraus
Albert Darboven - ein Kaufmann schreibt sein erstes DrehbuchVon Jens Meyer-Odewald
Hamburg - Der Kick mit dem reizenden Bauchnabel kommt vom Chef persönlich. Der beim Sinnieren nach optischer Umsetzung des Attributes "magenfreundlich" die Idee hatte: Fesche Deern mit bauchfreiem Top! Das Ergebnis kann sich sehen lassen - auch an diesem Wochenende, immer unmittelbar vor den Abendnachrichten. Dann flimmern die drei Werbespots für Idee-Kaffee abwechselnd über den Bildschirm.
Das Drehbuch schrieb Albert Darboven. Es war des Meisters Premiere in diesem Metier. Dass er Regie führt, hat dagegen Tradition. Gute Tradition. In der Firma J.J. Darboven, einem Handelshaus, dessen Wurzeln hanseatischer nicht sein könnten: Am 21. März 1866 von Johann Joachim Darboven gegründet, hat das Erbe der Väter bis heute goldenen Boden. J.J.s Grundgedanke: Hamburgs Hausfrauen die Arbeit zu erleichtern, die dem Rohkaffee anno dazumal in der Pfanne anbratend Aroma gaben. Erstmals bot Kaufmann Darboven bereits geröstete, länger haltbare und in Tüten verpackte Bohnen an. Als weiterer Meilenstein folgte 1927 der Markenname Idee-Kaffee: Ein neuartiges Herstellungsverfahren brachte Geschmack und magenfreundliche Note in Einklang. Fortan war Idee in aller Munde.
Bis heute baut das im Pinkertweg zu Billbrook ansässige Unternehmen auf das Erbe der Väter: Buten un binnen, wagen un winnen. Zur Unternehmensgruppe gehören elf Tochterfirmen in sechs Ländern; insgesamt tausend Mitarbeiter erwirtschaften 250 Millionen Euro Jahresumsatz. Schwarze Zahlen sind Geschäftsprinzip. Pioniergeist, Verlässlichkeit und Fairness ebenso. Dazu zählen Abschlüsse per Handschlag - damals wie heute. Ob Albert Darboven eine Partie Kaffee kauft oder eine Unternehmensbeteiligung erwirbt: ein Mann, ein Wort.
So wie bei den Allianzen, die Albert Darboven seit der Geschäftsübernahme 1960 schmiedete, um - in Allianz mit Cousin Herbert Darboven - den Familienbetrieb in vierter Generation immun gegen Begehrlichkeiten internationaler Konzerne zu machen. Mit Erfolg: Während andere Kaffeefirmen aus Hamburg und Bremen längst geschluckt wurden, ist Albert Darbovens Lebenswerk intakt.
"In der Tat gab es ganz massive Kaufbemühungen", bekennt Albert Darboven beim Spaziergang über sein Gestüt Idee am Falkensteiner Elbufer. Der Blick an diesem Frühlingstag ließe Götter frohlocken. Koppeln und Wiesen bis zum Horizont, frisches Grün, ein Leuchtturm als erhabener Kontrast, schmucke Stallungen im Fachwerkstil, ein knospiges Blumenmeer - und überall tollende Vollblüter.
Hier tauscht Herr Darboven seinen Nadelstreifenanzug mit der grünen Steppjacke, hier entpuppt sich der Unternehmer mit dem hanseatischen Habitus als Mensch mit Leidenschaft. Seine Augen leuchten, wenn er einen Galopper aus eigener Zucht am Halfter hält. "Ein Halbbruder von ,Pik König'", betont "Atti". Jenem galoppierenden Wunderhengst, der 1991 in den Kaffeefarben Orange und Braun das Deutsche Derby gewann und wenige Wochen später so traurig verendete.
Der Züchter und passionierte Polospieler hält inne, schlendert dann weiter in Richtung Reithalle und erzählt von einer Wendemarke in seinem beruflichen Leben. Von jenem verlockendem Angebot aus dem Ausland, welches schwanken ließ.
Viel Geld? "Sehr viel Geld!" antwortet er. Um fortzufahren: "Es wäre wie ein Berufsverbot gewesen, lieber habe ich das Erbe erhalten." Und ein bisschen Trotz und Stolz waren auch im Spiel. Darboven ist Kaufmann, kein Pfeffersack. Geld ist gut, Geld aber ist nicht alles.
Diese Lektion gab es gratis: Während der Ausbildung zum Außenhandelskaufmann bei Bernhard Rothfos, mit Lehrjahren in El Salvador und Costa Rica, im Anschluss an Internat Luisenlund und Mittlerer Reife. "Die Männer dort waren rauh, aber geradeaus", erinnert sich Darboven an die Zeit als Schauermann. "Anerkennung konnte man sich nicht erkaufen." Nach der soundsovielten Doppelschicht und noch mehr 90-Kilo-Kaffeesäcken aus Santo Domingo brüllte Kollege Gustav zu Fofftein durch den Schuppen: "Atti, komm man achtern Stobel, Muttern het mi 'n Butterbrot inpackt." Der Ritterschlag. Brüderlich wurde geteilt: Barmbeker Stullen - Schwarzbrot mit Schweinebraten.
"Auch wenn Guschi nicht mehr lebt", so Darboven, "im Hafen rufen Sie heute noch "Moin, Atti!" Und was sagt Darboven, der neben Spanisch und Englisch perfekt Plattdeutsch spricht? "Grüß Gott!" Nicht aus Respekt vor Ehefrau Edda, geborener Edda Adelheid Elisabeth Emma Antoinette Prinzessin von Anhalt, sondern aus christlicher Überzeugung.
"Grüß Gott!" heißt es auch jeden Morgen, wenn der Chef auf Firmenrundgang geht. "Der Boss kennt jeden", sagen die Mitarbeiter. Fast alle sind Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dabei. Zu Jubiläen gibt's die Kaffee-Uhr. Nicht selten in Darbovens Büro, einem ebenso kleinen wie kargen Raum, für den sich in anderen Firmen jeder Prokurist zu schade wäre. Draußen vor der Tür aber wartet die dunkelblaue Limousine - mit Chauffeur.
Tatsächlich sind es Kontraste und Facetten, die Albert Darboven zur Type machen. Eine Lieblingsspeise, weils nicht immer Kaviar sein muss: Rührei, Maggi, Schittlauch. Kostbare Polo- und Rennpferde - ein zerknautschter englischer Offiziershut für das Hippodrom. Hobbywerkstatt mit viel Zeit zum Tüfteln - Ferienhaus auf St. Maarten in der Karibik. Freunde in der High-Society - ein Brillenetui aus gegerbter Haihaut, selbst genäht. Aus Freude am Leben. Motto: Es muss nicht immer Kaviar sein. Gelegentlich aber gerne.
"Stopp!" sagt Darboven bei der Rast am Leuchtturm. Just sei ihm eine neue Werbespot-Idee gekommen: "Hier die Elbe, da hinten Jacobs . . ." Das Restaurantkonzept. Und die Kaffeebar. Die finale Frage hat sich somit erledigt: Mit 66 Jahren ist noch längst nicht Schluss.
Quelle: Hamburger Abendblatt, 2. April 2003

